Die adaptive Organisation – Führung im Zeitalter der Wahrheit
Zu Beginn dieser Artikelserie habe ich die These aufgestellt, dass UX kaputt ist. Wir haben untersucht, wie das lineare Menschenbild eine Fiktion ist und wie künstliche Intelligenz diese Fehler derzeit häufig lediglich skaliert. Im vorherigen Teil habe ich eine Alternative vorgestellt: den Übergang von Linien zu Vektoren und von Narrativen zu Nowcast-Denken.
Nun ist es an der Zeit, die schwierigste Frage zu stellen: Was bedeutet das für Führung? Was geschieht mit einer Organisation, die sich entscheidet, der Realität ohne den Schutz von Geschichten zu begegnen?
Der Zwang des Gehirns, Geschichten zu bilden, ist auch ein Mechanismus zur Vermeidung von Verantwortung
Das menschliche Gehirn toleriert keine Zufälligkeit. Aus evolutionärer Sicht hing Überleben von Mustererkennung ab: Wenn sich etwas wiederholt, lohnt es sich zu reagieren. Das schafft Stärke, aber auch Illusion. Derselbe Mechanismus zwingt uns dazu, ein Narrativ zu konstruieren, selbst dann, wenn Realität lediglich aus überlagernden Signalen, Unterbrechungen und situativen Abweichungen besteht.
In Organisationen ist das Narrativ nicht nur ein Erklärungsmodell – es ist ein Instrument zur Verteilung und Verdünnung von Verantwortung. Wenn wir von Customer Journeys, Phasen und Touchpoints sprechen, zerlegen wir Realität in handhabbare Teile. Gleichzeitig fragmentieren wir Verantwortung. Leid entsteht auf der Ebene des Gesamtsystems, doch Schuld wird stets einem einzelnen Punkt zugewiesen: der falschen Phase, der schlechten Interaktion, dem gescheiterten Touchpoint.
Narrative machen dynamisches Leiden modular. Niemand ist für das Ganze verantwortlich, weil das Ganze in eine Geschichte zerlegt wurde. Führung konfrontiert dann nicht die Realität selbst, sondern die von ihr konstruierte Landkarte. Wir führen nicht menschliche Zustände, sondern unsere eigene Erklärung dieser Zustände.
Die Illusion von Kontrolle und die moralische Lüge der Dashboards
Warum lieben Organisationen statische Kennzahlen wie NPS- oder CSAT-Werte? Nicht in erster Linie, weil sie die Wahrheit sagen, sondern weil sie von Verantwortung entlasten. Eine Zahl suggeriert, dass etwas gemessen wurde. Ein Dashboard erzeugt den Eindruck, dass jemand das Ganze im Blick hat.
Doch ein dynamischer Zustand lässt sich nicht mit einer einzelnen Zahl steuern. Wenn komplexe menschliche Realität zu einer grünen Kennzahl komprimiert wird, vollzieht sich eine moralische Verschiebung: Leid wird zu akzeptabler Varianz. Wir fragen nicht mehr, warum das System Menschen belastet, sondern warum der Messwert noch nicht schlecht genug ist.
Das Gefühl von Kontrolle entsteht gerade durch die Einfachheit der Kennzahl. Es wird zu einem Preis gekauft, der in Unsichtbarkeit bezahlt wird.
Künstliche Intelligenz und die moralische Entscheidung: tiefer sehen oder besser erklären?
Künstliche Intelligenz fügt dieser Struktur eine neue, gefährliche Schicht hinzu. Sprachmodelle machen Narrative unbegrenzt skalierbar. Sie produzieren plausible Erklärungen, polierte Zusammenfassungen und eine Insights-Sprache, die wie Verständnis klingt.
An diesem Punkt steht Führung vor einer moralischen Entscheidung, die nicht an Technologie delegiert werden kann:
Nutzt du KI, um tiefer in die Signale zu sehen – oder nutzt du sie, um immer überzeugendere Erklärungen dafür zu erzeugen, warum deine aktuelle Strategie richtig ist?
Das Gehirn liebt flüssige Sprache. Deshalb fühlen sich KI-generierte Narrative so leicht wie Wahrheit an. Doch KI bricht den narrativen Bias nicht – sie kann ihn perfektionieren. Ohne die bewusste Entscheidung, Signale so zu konfrontieren, wie sie sind, wird künstliche Intelligenz zum effizientesten Instrument der Selbsttäuschung in der Führung.
Der Preis der Wahrheit: Signale unterstützen keine Heldengeschichten
Nowcast-Denken durchbricht diese Struktur. Es erklärt nicht, was passiert ist oder warum eine Strategie erfolgreich war. Es zeigt, wo sich der Mensch jetzt befindet. In einem dynamischen Zustand, zt, gibt es keine Handlung, keinen Höhepunkt und keinen Helden.
Das ist für Führung schwierig, weil es den Abschied von heroischer Führung erfordert. Wenn Realität ein kontinuierlich veränderlicher Zustand ist, ist die Führungskraft nicht der Protagonist einer Geschichte, sondern ein Hüter des Gleichgewichts. PowerPoint ist kein zentrales Werkzeug mehr, weil sich Daten möglicherweise nie zu einer sauberen Erzählung fügen.
Führung bedeutet nicht, einen Endpunkt zu erreichen, sondern kontinuierlich auf Spannung, Belastung und Veränderung zu reagieren. Sie erfordert die Fähigkeit, in Mehrdeutigkeit präsent zu bleiben, ohne Entscheidungen zuerst durch eine Geschichte zu rechtfertigen.
Empathie zurückgewinnen: Verantwortung ohne Erklärung
Paradoxerweise kann gerade hier Technologie Menschlichkeit zurückbringen. Wenn Maschinen dynamische Signale erkennen – Belastung, Rhythmusänderungen, zunehmende Spannung – bleibt den Menschen der Teil, der nicht automatisiert werden kann: Verantwortung zu tragen, ohne narrativen Schutz.
Keine synthetische Empathie, keine Erklärung, warum etwas passiert ist, sondern die Entscheidung, die Bedingungen des Systems zu verändern, weil die Signale zeigen, dass es notwendig ist.
Eine adaptive Organisation ist nicht jene mit dem besten Prognosemodell. Sie ist jene Organisation, die aushält, dass Wahrheit niemals zur Geschichte wird.
UX ist kaputt – und zwingt Führung zur Veränderung
Das UX-Feld hat sich auf selbstzerstörerische Weise auf die Optimierung von Interfaces verengt, obwohl es in Wirklichkeit um die Neudenken der gesamten Führungslogik geht. Wenn wir aufhören, Menschen als statische „User“ zu betrachten, und beginnen, sie als dynamische Zustände zu sehen, muss die Organisation adaptiv werden.
Die letzte Frage lautet nicht, wie wir UX-Metriken reparieren. Die Frage lautet:
Was geschieht mit einer Organisation, die sich nicht länger hinter Zahlen, Modellen und den vom menschlichen Gehirn konstruierten Geschichten verstecken kann?
Wir brauchen keine besseren Prognosen.
Wir brauchen bessere Präsenz vor den Signalen.
Wenn Realität ein dynamischer Zustand und keine Erzählung ist, kann Verantwortung nicht auf Phasen verteilt werden. Sie ist immer kollektive Verantwortung. Deshalb ist adaptive Führung keine Delegation von Aufgaben, sondern die Steuerung eines gemeinsamen Zustands.
Diese Reise, ihre Theorie und ihre praktische Umsetzung werden im Januar 2026 erscheinenden Buch CX ist zerbrochen: Ausbruch aus der Illusion der Kontrolle weiter vertieft.
